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Ein Stallkind

Wann ich das erste Mal eine Wette auf eigenes Risiko abgegeben habe, weiß ich beim besten Willen nicht mehr, ich dürfte aber vielleicht so um die sieben Jahre alt gewesen sein. Das erste Mal im Casino war ich in Hamburg zur Zeit des Derbymeetings (damaliger Einlauf: Lavirco vor Suraco und Albaran). Mein Vater hatte mit einem Freund gewettet, dass er mich im zarten Alter von damals fünfzehn Jahren ins Casino bringen könne – was er auch tat.

Mein Vater sagte zu mir stets: “Im letzten Rennen musst du treffen – dann gehst du zumindest nicht stier wie ein Lachs nach Hause”.

Als Sohn eines Galopptrainers hing für mich ein typischer Renntag vorrangig von allein einem Faktor ab: ob ich am Ende des Tages auf der Gewinnerseite stand… oder nicht.

Da konnte es den ganzen Tag geregnet oder geschneit haben, mich in meinem neuen Anzug ein Pferd womöglich angerotzt und gebissen haben oder mir auf den Fuss gestanden sein und ich konnte deswegen meine Schuhe nach diesem Tag wegschmeißen – die Hauptsache war trotzdem immer: ich hatte getroffen.

Als Kind war ich mit meinen damals hellblonden Haaren der ideale Glücksbringer – und erhielt dafür eine Art “Trink- oder Wettgeld” von den Besitzern und Wettfreunden meines Vaters. Später führte ich selbst und ein guter Teil meines Führgeldes wurde am Schalter investiert.
Im Nachhinein betrachtet war das eine zumindest bemerkenswerte Situation: wenn ich führte, dann erhielt ich Führgeld plus ggf. Spesen. Wenn das Pferd gewann, dann erhielt ich doppeltes Führgeld – die Pferde, die ich führte und die meines Erachtens eine gute Chance besaßen, wettete ich aber auch regelmäßig mit meinem Führgeld und den Spesen (meistens Sieg/Platz).
Gewann das Pferd also, hatte ich das doppelte Führgeld und den Gewinn aus der Wette. War das Pferd aber unplatziert, dann hatte ich völlig “umsonst” geführt und war bspw. auch “umsonst” morgens um vier Uhr für die Reise aufgestanden und den ganzen Tag bis spät nachts auf den Beinen. Das war durchaus auch des Öfteren der Fall und ich wurde an solchen Tagen dann traditionsgemäß zu Hause mit einem Teller “Straßburger Wurstsalat” und Holzofenbrot begrüßt.

Hatte ich aber gewonnen – dann war “nur noch Gott über mir”. Ich ging zur Feier des Tages gerne gepflegt essen und nach Lust und Laune vielleicht noch in eine Cocktailbar und/oder auch ins Casino. Hatte ich dann noch Geld in der Tasche, dann konnte ich für mich guten Gewissens behaupten:
“Ja, das war ein wirklich schöner Tag”.

Turfblogger©

Diese Zeit liegt nun schon länger hinter mir – ich habe nach der Schule, einer kaufmännischen Ausbildung und dem Studium mittlerweile nur noch als Hobby etwas mit dem Rennsport zu tun.
Im Nachhinein und aus dem nötigen Abstand betrachtet war es eine wirklich schöne und vor Allem lehrreiche Zeit und ich wollte wirklich keinen Augenblick davon missen.

Dass gerade diese schillernde Welt des Galopprennsports auch ihre herben Schattenseiten besitzt und bitteren Enttäuschungen mit sich bringt, will ich nicht leugnen – ich kann wirklich froh sein, dass ich nicht in die Fußstapfen meines Vaters getreten bin, sondern mein eigenes Leben lebe. Deswegen genieße ich es auch umso mehr, ganz unbeschwert ab und an mal bei schönem Wetter auf die Rennbahn gehen und einfach einen netten Tag verleben zu können.

Turfblogger©


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