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Widrige Umstände

Eines schönen Samstag Abends wunderten meine Mutter und ich uns, dass mein Vater vom Rennen in München einfach nicht zurückkam.
Die Fahrt von München / Riem zurück nach Iffezheim dauert normalerweise an die drei Stunden; erfahrungsgemäß kam aber wirklich immer irgendetwas dazwischen – Probleme beim Verladen oder mit dem Transport der Pferde, Stau oder sonst irgendwelche Schwulitäten.
Mein Vater hätte demnach schätzungsweise gegen 23:00 Uhr zu Hause wieder ankommen müssen – aber er kam nicht.

Es wurde 24:00 Uhr, es wurde 1:00 Uhr, es wurde 2:00 Uhr – der Straßburger Wurstsalat stand verzehrbereit – aber er kam einfach nicht. Wir schauten damals im Videotext nach, ob uns vielleicht eine Verkehrsmeldung für diese stau- und baustellenverseuchte Strecke einen näheren Hinweis über den Verbleib unseres Familienoberhauptes hätte geben können – aber nichts. Wir machten uns langsam Sorgen.
Am nächsten Morgen, so etwa gegen 7:00 Uhr, kam mein Vater dann endlich nach Hause. Den Standardsatz, den er von meiner Mutter sonst immer zur Begrüßung zu hören bekam, wenn er vom Rennen zurück kam: “Weißt Du was passiert ist?” vernahm er an diesem Tag nicht – es hieß nur: “Was ist passiert?”.



Mein Vater fuhr an diesem Renntag zusammen mit seinem damaligen Stalljockey – einem gebürtigen Iren – in dessen Auto auf  die Rennbahn nach München / Riem; sie nahmen noch einen anderen Rennreiter mit, der dafür am Steuer saß.
Angekommen auf dem Parkplatz in Riem dann, schnappte sich jeder sein Equipment und ging auf die Bahn – freundlicherweise half mein Vater dem mit Sattel und anderen Renn-Utensilien bepackten Mitfahrer beim Tragen, indem er sich eines schwarzen Aktenkoffers annahm. Auf seine Frage hin, was denn in besagtem Koffer sei, bekam er die Antwort: “Sexbücher”.

Der Renntag verlief recht normal – wenn man überhaupt jemals von einem normalen Renntag sprechen kann. Unser Starter im letzten Rennen war Favorit – und zur vollen Zufriedenheit aller Beteiligter gewann er auch, Siegreiter war besagter Stalljockey meines Vaters.
Es kam zur Siegerehrung – wie für gewöhnlich waren mein Vater und sein Jockey in diesem Moment von Menschen umringt.
Plötzlich jedoch wurde mein Vater von zwei sportlichen Herren jüngeren bis mittleren Alters angesprochen – sie wiesen sich als Zivilfahnder der Kriminalpolizei aus und ihn darauf hin, dass er bitte mitzukommen habe. Mein Vater erwiderte, dass sein Starter doch Favorit gewesen sei und ein Sieg demnach nichts Ungewöhnliches gewesen sein kann. Aber es ging um keine Verdachtsmomente hinsichtlich Doping, Wettbetrug oder Ähnlichem.

Mein Vater und sein Stalljockey wurden in einer Limousine mit Kindersicherung für die hinteren Plätze in den Hof eines recht zivil anmutenden Gebäudes in der Münchner Innenstadt gefahren. Sie durften während der gesamten Fahrt natürlich nicht miteinader reden.
Jeder wurde einzeln verhört – bei dieser Gelegenheit wurde mein Vater auch endlich darüber aufgeklärt, was der ganze Zirkus eigentlich sollte: dass sich in dem Koffer, den er für den mitgenommenen Rennreiter quer über den Parkplatz auf die Rennbahn getragen hatte, mehrere Kilo Kokain mit einem damaligen Marktwert in Millionenhöhe befanden.
Während des Verhörs öffnete sich auf einmal die Tür – ein anderer Beamter fragte meinen Vater, aus welchem Land sein Stalljockey denn bitte käme: der spräche kein Englisch und was das für eine Sprache denn bitte sein solle, die sein Angestellter da spreche, könne der eingeschaltete Dolmetscher beim besten Willen nicht nachvollziehen.
Anscheinend forderten äußerst markanter irischer Akzent und situationsbedingt entsprechend hoher Adrenalinspiegel in diesem Moment ihren Tribut…

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Der PKW war natürlich in der Zwischenzeit von den Drogenfahndern intensivst durchsucht worden, sodass mein Vater und sein Stalljockey in erster Linie die Sitze erst wieder einbauen mussten um dann die Heimreise gegen etwa 4:00 Uhr antreten zu können.

Der Fall ging damals durch die Presse, mein Vater wurde von verschiedenen Zeitungen und auch dem Radio interviewed.
Unter Anderem aus den Medien erfuhren wir dann auch noch ein paar Hintergründe:
Der andere Rennreiter, den mein Vater und sein Stalljockey mitgenommen hatten, fungierte für einen anderen Trainer als Kurier; er sollte hierfür damals 50.000 D-Mark erhalten. Er bekam aber lediglich 2 Jahre.
Der andere Trainer wurde als Organisator des Deals ebenfalls verhaftet, saß insgesamt mehrere Jahre ein; es gelang ihm in dieser Zeit sogar anscheinend, während einer Überführung zu fliehen – er wurde aber bereits nach kurzer Zeit wieder gefasst.
Ein Geldgeber dieser Transaktion wurde ebenfalls inhaftiert – während er seine mehrjährige Haftstrafe verbüste, soll er sogar aufgrund seiner Rückenprobleme sein eigenes Bett in die Zelle mitgenommen haben dürfen und aufgrund seines Leumunds über’s Wochenende Freigang gehabt haben…

Erwähnenswert ist aber vielleicht noch, dass für dieses Drogengeschäft Kontakte in Frankfurt geknüpft worden sein sollen – nur entpuppten sich diese vermeintlichen Kaufinteressenten als verdeckte Ermittler des Bundeskriminalamtes.


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